Procopius’ Münzschule für Anfänger – Teil 4

Die 10-Punkte-Checkliste für Sammler-Einsteiger

Du siehst eine schöne Münze. Sie gefällt dir. Man sagt, sie sei selten. Der Verkäufer versichert natürlich, sie sei „garantiert echt”, „nie gereinigt” und sei sozusagen vorgestern aus der Schublade des Großvaters aufgetaucht.

In solchen Fällen sollte man es zunächst nicht kaufen, sondern erst einmal ansehen.

Einer der wichtigsten Aspekte des Münzsammelns ist nämlich nicht der Kauf selbst, sondern das, was davor geschieht. Ein erfahrener Numismatiker erkennt oft schon innerhalb weniger Sekunden, dass etwas nicht stimmt. Ein Anfänger braucht dafür mehr Zeit – und das ist völlig normal.

Schauen wir uns die zehn Dinge an, die man überprüfen sollte, bevor man sein Portemonnaie zückt.

1. Gewicht – Die Münze lügt nicht. In der Regel.

Eine digitale Waage mit ausreichender Genauigkeit ist eines der günstigsten und nützlichsten Hilfsmittel für Numismatiker.

Wenn laut einem Katalog das Gewicht der Münze bei etwa 3,50 Gramm liegt, unser Exemplar jedoch 2,83 Gramm wiegt, sollten wir nicht gleich davon ausgehen: „So muss sie damals wohl gewesen sein.”

Es kann sich um Abnutzung handeln, um zeitbedingte Gewichtsschwankungen, das Stück kann unvollständig oder beschädigt sein – aber es kann sich auch um eine Fälschung handeln.

Das Wichtigste: Zunächst muss man wissen, welche Abweichung bei der jeweiligen Münzart als normal gilt. Eine mittelalterliche, handgeprägte Goldmünze wird nicht mit denselben Toleranzen geprüft wie eine moderne, maschinell geprägte Münze.

2. Durchmesser – her mit dem Schieblehren!

Die nächste einfache Angabe ist der Durchmesser. Wegen ein oder zwei Zehntelmillimetern muss man natürlich nicht gleich die Numismatik-Polizei rufen. Vor allem bei alten Münzen, die auf unregelmäßigen Plättchen geprägt wurden, kann es zu Abweichungen kommen.

Wenn im Katalog jedoch 21 mm angegeben sind, wir aber ein 24-mm-Stück vor uns haben, lohnt es sich, ein paar Fragen zu stellen. Gewicht und Durchmesser sagen zusammen schon viel mehr aus als jeder für sich.

3. Material – ist es wirklich Gold, das da glänzt?

Dieses alte Sprichwort ist in der Numismatik besonders nützlich. Gold, Silber, Kupfer und deren Legierungen zeichnen sich durch charakteristische Farben, Oberflächen und Eigenschaften aus. Das geübte Auge erkennt zwar schon vieles, doch es lohnt sich, die eigene Beobachtung durch eine instrumentelle Untersuchung zu ergänzen.

Bei höheren Werten kommt beispielsweise eine RFA-Untersuchung in Betracht, die zerstörungsfrei Aufschluss über die elementare Zusammensetzung der Oberfläche gibt.

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Eine gute Materialzusammensetzung allein beweist noch nicht, dass die Münze echt ist. Auch gefälschte Münzen können aus Gold mit der entsprechenden Feinheit hergestellt werden.

4. Der Rand – den viele übersehen

Die Münze ist kein zweidimensionales Objekt. Sie hat auch eine dritte Seite: den Rand.

Und manchmal verrät sich die Fälschung genau dort. Gussnähte, Rillen, Schleifspuren, nachträgliche Bearbeitungen, Lötstellen oder andere ungewöhnliche Merkmale werden oft erst von der Seite sichtbar.

Deshalb sollte man eine Münze immer von allen Seiten betrachten. Wer nur die Vorder- und Rückseite betrachtet, verhält sich so, als würde er einen Gebrauchtwagen kaufen, ohne die Motorhaube zu öffnen.

5. Untertitel und Schrift – Der Teufel steckt wirklich im Detail

Eines der verräterischsten Merkmale von Fälschungen ist oft die Beschriftung. Betrachten wir die Form, die Strichstärke und die Position der Buchstaben zueinander, die Strichstärken der Buchstaben, die Punkte und Trennzeichen sowie die Art und Weise, wie die Buchstaben an den Rand des Feldes anschließen, im Vergrößerungsmodus.

Die Form der Buchstaben auf einer geprägten Münze kann sich von der einer gegossenen oder mit modernen Verfahren hergestellten Nachbildung unterscheiden. Hier kommen die Lupe und die Erfahrung erst richtig zum Tragen.

6. Grüne Markierungen, Meistermarkierungen und kleine Markierungen

Ein kleiner Punkt. Ein Stern. Ein Buchstabe. Ein Wappen.

Als Anfänger übersieht man sie leicht, dabei entscheiden sie manchmal darüber, ob man eine 100-Euro- oder eine 10.000-Euro-Variante in der Hand hält.

Anhand der Prägezeichen und Meisterzeichen lassen sich der Prägeort, die Epoche, der Münzmeister und in manchen Fällen sogar eine sehr seltene Variante bestimmen.

Deshalb sagen wir es immer wieder: Ohne Katalog ist es schwierig, sich ernsthaft mit Numismatik zu beschäftigen. Das Gedächtnis ist nützlich. Die Fachliteratur ist besser.

7. Oberfläche – hier beginnt die eigentliche Ermittlung

Unter der Lupe eröffnet sich eine ganz andere Welt. Halten wir Ausschau nach Haarrissen, Polierspuren, parallelen Linien, die beim Reinigen entstanden sind, ungewöhnlicher Porosität, Gussspuren, Korrosion, Reparaturen, Lötstellen oder künstlicher Patina.

Einer der häufigsten Anfängerfehler: „Es ist sehr hell, also muss es sicher sehr schön sein.”

Nicht unbedingt. Es könnte glanzvoll sein. Es könnte aber auch sein, dass jemand eine halbe Stunde zuvor mit irgendeinem Wundermittel darauf losgelegt hat, weil er dachte, er müsse zweitausend Jahre Schmutz in fünf Minuten beseitigen.

In der Numismatik ist eine zu schöne Oberfläche manchmal genauso verdächtig wie eine unschöne.

8. Verschleiß oder schwacher Schlag?

Das ist schon eine schwierigere Frage. Wenn ein Detail auf der Münze fehlt, kann das mehrere Gründe haben. Vielleicht ist es abgenutzt. Es kann aber auch sein, dass es nie richtig geprägt wurde.

Vor allem bei alten, von Hand geprägten Münzen kommen eine schwache Prägung, ein verrutschtes Prägestempel, Prägefehler oder ein ungleichmäßiger Druck häufig vor.

Das ist deshalb wichtig, weil beides nicht dasselbe ist. Eine Münze, die zwar nur schwach geprägt ist, aber kaum im Umlauf war, kann ganz anders bewertet werden als ein wirklich abgenutztes Exemplar.

9. Vergleichen wir sie mit anderen Exemplaren!

Das ist eine unserer stärksten Waffen. Wir suchen nach Auktionsarchiven, Museumsexemplaren, Abbildungen aus der Fachliteratur, von NGC/PCGS zertifizierten Exemplaren und früheren Auktionsauftritten.

Wir sollten nicht nur darauf achten, dass es „ähnlich” aussieht. Suchen wir nach den Unterschieden. Wo befindet sich der Buchstabe? Wo berührt er das Wappen? Wie sieht die Krone aus? Wo endet die Legende? Befindet sich an derselben Stelle ein Prägebruch?

Bei anspruchsvolleren Stücken können wir sogar nach klanglicher Übereinstimmung suchen.

Und genau dann passiert es, dass man um acht Uhr abends sagt: „Ich schaue mir nur noch dieses eine Exemplar an …” Und um halb zwei Uhr morgens blättert man dann schon in einem Schweizer Auktionskatalog aus dem Jahr 1973.

Willkommen in der Numismatik.

10. Wenn uns etwas nicht gefällt – versuchen wir nicht, es uns selbst zu erklären!

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt.

Wenn bei der Untersuchung einer Münze drei oder vier Dinge seltsam erscheinen, sollten wir nicht versuchen, für alles eine eigene Erklärung zu finden.

„Das Gewicht liegt sicher am Verschleiß …”
„Der Rand muss schon vor langer Zeit beschädigt worden sein …”
„Die Oberfläche wurde bestimmt nur schlecht fotografiert …”
„Und vielleicht sehen die Buchstaben gerade deshalb so aus …”

Das ist möglich.

Aber wenn wir schon fünf verschiedene Geschichten erfinden müssen, um die Originalität eines Stücks zu gewährleisten, ist es an der Zeit, es wieder auf den Tisch zu legen.

Es ist ärgerlich, wenn man den Kauf einer guten Münze verpasst. Eine schlechte Münze zu kaufen, ist noch viel ärgerlicher.

Die 10-Punkte-Schnellprüfung von Procopius

  1. Gewicht – Entspricht es dem Typ?
  2. Durchmesser – Ist das richtig?
  3. Material – Entspricht es dem, was es sein sollte?
  4. Rand – Sehen wir Manipulationen, Nähte oder Feilspuren?
  5. Buchstaben und Details – Sind sie natürlich und haben einen geschliffenen Charakter?
  6. Verde- und Meistermarken – Entsprechen sie dem Typ?
  7. Oberfläche – Original oder gereinigt, poliert, repariert?
  8. Verschleiß – Echter Verschleiß oder nur leichte Abnutzung?
  9. Vergleich – Finden wir ein authentisches Referenzexemplar?
  10. Gesamtbild – Passt alles zusammen, oder müssen wir zu viel erklären?

Und noch etwas…

Wir bezeichnen eine Münze selten schon aufgrund eines einzigen Merkmals als Fälschung.

Eine zu leichte Münze ist nicht automatisch eine Fälschung. Ein seltsamer Rand ist nicht automatisch ein Anzeichen für eine Fälschung. Auch eine ungewöhnliche Oberfläche ist nicht automatisch ein Anzeichen für eine Fälschung.

Der Kern der numismatischen Untersuchung besteht gerade darin, dass wir die Merkmale gemeinsam bewerten.

Dazu braucht es drei Dinge: Wissen, Vergleichsmöglichkeiten und Erfahrung.

Die ersten beiden lassen sich relativ schnell beschaffen. Für das dritte muss man jedoch Tausende von Münzen auftreiben.

Und vielleicht ist genau das einer der schönsten Aspekte des Münzsammelns: Je mehr wir wissen, desto mehr fällt uns auf – und desto mehr wird uns bewusst, wie viel wir noch nicht wissen. (Ich auch nicht.)

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Fachlicher Hintergrund

Als Hintergrundmaterial für die fachliche Überprüfung des Artikels dienten: NGC – „Learn Grading: The Parts of a Coin“; NGC Ancients – „Strike, Surface and Style“; American Numismatic Association – „Official Grading Standards“ und „Basics Every Coin Collector Should Know“.